Terrassenmosel
Die wilde Seite: der steilste Weinberg Europas, Terrassen, die nur mit der Monorackbahn zu bewirtschaften sind — und ein Gebiet, das 1994 seinen Namen änderte, weil es sich neu erfunden hatte.
- Fläche
- ~760 ha1905: 1.995 · 1979: 2.079 · 2005: 1.470
- Strecke
- 80 kmPünderich bis Koblenz
- Gestein
- Quarzitim Schiefer; Grauwacke im Calmont
- Steilster Punkt
- 65°Bremmer Calmont, lokal 68°
- Neuer Name
- 1994„Untermosel“ wird „Terrassenmosel“
01Der Dornröschenschlaf der „Untermosel“
Der Bremmer Calmont und seine Moselschleife sind unzählige Male abgebildet worden — ohne dass ein Wort über den Geschmack des dort wachsenden Weins fiel. Aus dieser Lücke zwischen Bild und Sache entwickelt Stuart Pigott die These seines Kapitels: Die Terrassenmosel wurde als Landschaft bewundert und als Weingebiet übersehen. Koch hatte die Strecke 1897 noch nüchtern eingeordnet — nach den übrigen Weinen der Mittelmosel folgten die der Untermosel, wo sich Cochem, Cobern und Winningen durch bessere Qualitäten auszeichneten: benannt, aber nicht gefeiert.
Schon die Bezeichnung „Untermosel“ implizierte das (meist unausgesprochene) verbreitete Vorurteil der Minderwertigkeit dieses Moselabschnittes.
Stuart Pigott, Mosel, S. 77
Bis ins frühe 20. Jahrhundert war die Untermosel dicht bestockt — 1905 fast 2000 Hektar. Während an der Mittelmosel einzelne Familienweingüter dem Niedergang trotzen konnten, drehte sich hier eine Spirale aus schwachem Image, schwachen Weinen und schwachen Preisen; für fast jeden Erzeuger galt, dass der beste Wein der verkaufte war, gleichgültig, wie bescheiden der Preis. Es war, so Pigott, „wenige Minuten vor Zwölf“. Zwischen 1979 und 2005 verlor das Gebiet fast ein Drittel seiner Rebfläche.
02Das Fachkaul: Rückgewinnung
Die Wende erzählt Pigott nicht als Stimmungsumschwung, sondern als Arbeitsaufwand. Zwischen Frühjahr 2002 und 2004 verwandelte Ulrich Franzen in Bremm das „Fachkaul“ von einem verwilderten Chaosgebiet in anderthalb Hektar bester Weinberge zurück. Davor musste er 130 Kleinparzellen zusammenkaufen und pachten. Dann: Gestrüpp entfernen, eine fast 600 Meter lange Monorackbahn legen, 6900 Reben pflanzen, Drahtrahmen aufstellen, die Trockenmauern sanieren — auf einem kargen Grauwackeboden, der zu über siebzig Prozent aus groben Steinen besteht. Maximal 50 Hektoliter je Hektar erbringt die Fläche. Ein „Kaul“ ist im Volksmund ein Talzug, der sich zwischen Felsrippen in den Steilhang hineinzieht; in ihm sammeln sich Feinerde und Wasser — erst dadurch wird Weinbau in dieser Extremlage möglich. Das seien „echte Weinberge“, schreibt Pigott, und sie bildeten „die Spitze der gegenwärtigen Moselweinrevolution“.
Everyone must get stoned!
Reinhard Löwenstein, Weingut Heymann-Löwenstein, Winningen — bei Pigott, S. 80
Wer wie Franzen Weinbergsland retten und auf eine nachhaltige wirtschaftliche Basis stellen will, muss für den Wein zwanzig Euro und mehr je Flasche verlangen. Solche Weine gibt es — aber sie zu kaufen gilt vielen als anstößig: „Es wird anscheinend immer noch als unmoralisch empfunden, einheimische Weine für solche Preise zu verkaufen oder zu kaufen, obgleich deutsche Autos für sechsstellige Eurosummen anstandslos akzeptiert werden.“ Der Preis eines Steillagenweins ist keine Marktfrage, sondern die Rechnung für den Erhalt einer Kulturlandschaft.

03Orte und Lagen
Pünderich
Pündericher Marienburg — ein riesiger, mehrteiliger Hang, den Clemens Busch in seine geologischen Untereinheiten zergliedert: Falkenlay, Fahrlay, Rothenpfad, Felsterrasse, Marienburg gut Oberhof. Pionier des biodynamischen Mosel-Weinbaus, seit 1984 nach Demeter.
Bremm & Eller
Der Bremmer Calmont, steilster Weinberg Europas. Der Klettersteig ist seit 2002 touristischer Anziehungspunkt; bewirtschaftet wird der Hang von rund einem Dutzend Familienbetrieben — Franzen, Stein, Walter J. Oster. Koch nannte 1897 Ediger und Bremm im „Ritterthal“ bei Burg Eltz.
Hatzenport
Hatzenporter Kirchberg. Seit 1992 gehört Hatzenport mit Lehmen und Winningen zur eingetragenen Marke „Schieferterrassen“ von Heymann-Löwenstein: „reife Rieslingfrucht kokettiert mit subtilem Schiefer“.
Winningen
Östlichstes großes Weindorf, zwölf Kilometer vor Koblenz. Der Winninger Uhlen ist die einzige Mosel-Lage, die nach Quarzitadern gegliedert wird: Laubach, Roth Lay, Blaufüsser Lay. Heymann-Löwenstein (seit 1983, 1987 Sieger der großen Blindprobe), Knebel, Kröber; daneben Röttgen und Hamm.
Kobern-Gondorf
Koberner Uhlen (nicht zu verwechseln mit dem Winninger). Lubentiushof in Niederfell, Schwaab. Koch beanspruchte Koblenz 1897 ausdrücklich für die Mosel, nicht für den Rhein.
04Heymann-Löwenstein: Licht und Dunkelheit
Reinhard Löwenstein und Cornelia Heymann begannen 1980 in Lehmen praktisch bei null, zogen 1983 nach Winningen, reduzierten die Erträge deutlich unter das damals gängige Niveau und führten das schräge Streifenetikett ein. 1987 erreichte ihre 1985er Winninger Uhlen Riesling Spätlese trocken Platz eins in einer großen Blindverkostung der besten österreichischen und deutschen Rieslinge; im selben Jahr verschwanden die Prädikate vom Etikett, um die Aufmerksamkeit ganz auf den Lagennamen zu lenken. 1996 durchliefen erstmals sämtliche Trauben eine Maischestandzeit, und die ganze Ernte wurde spontan vergoren, wobei jeder Wein so viel Zeit bekam, wie er brauchte. Heute führt Sarah Löwenstein das Gut.
Die Reaktionen beschreibt Pigott als Spaltung, die er nicht auflöst, sondern zum Wesensmerkmal erklärt: Die Fangemeinde liebt diese Weine wegen ihrer aromatischen Originalität, ihrer Ausdrucksstärke und ihres Selbstbewusstseins; für andere sind es „schreckliche wilde Weine“ — und diese Polarisierung sei „auch Teil ihres Wesens“.