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Wehlen mit Brücke und Sonnenuhr-Hang
Region — Trittenheim bis Pünderich

Mittelmosel

Das klassische Kernland: eine fast ununterbrochene Kette erster Lagen auf wenigen Flusskilometern — und der Ort, an dem die Qualitätsrevolution der 1980er Jahre begann.

Fläche
~5.500 ha1905: 3.111 · 1979: 7.368 · 2005: 5.904
Strecke
110 kmTrittenheim bis Pünderich
Gestein
Blauschieferbei Ürzig und Erden Rotliegendes und Vulkanit
Höhe
100–250 m
Top-Lagen
DoctorSonnenuhr, Prälat, Juffer-Sonnenuhr, Goldtröpfchen

01Das klassische Kernland

Wer „Moselwein“ sagt, meint meistens Mittelmosel. Auf den gut 110 Kilometern zwischen Trittenheim und Pünderich liegen die berühmtesten Steillagen, die ältesten Winzerfamilien und die teuersten Weine. Die Mosel windet sich hier in engen Schleifen durch den Devonschiefer; jeder Mäander schafft neue Süd-Expositionen, neue Mikrolagen, neue Stile. Karl Heinrich Koch beschrieb 1897 „eine geschlossene Front erster Lagen“, die dicht gedrängt das rechte Moselufer bis Zeltingen besetzen — nicht einzelne Spitzenlagen tragen den Ruf der Mittelmosel, sondern ihre Kette.

Pigotts Wegweisung lautet entsprechend: Der beste Ausgangspunkt für eine Entdeckungsreise an „die Mosel“ liege mitten im Kern des engen Tals. Ernst Loosens Kapitelmotto — „Das Tal ist eng“ — ist doppelbödig: Es beschreibt die Topographie und meint die Denkweise, gegen die sich die Erneuerung der 1980er Jahre richtete.

Wehlen und die Moselschleife aus der Luft
WehlenDer Ort, die Brücke, der Sonnenuhr-Hang gegenüber — die Winzer mussten schon im Mittelalter mit der Fähre zu ihren Weinbergen übersetzen.

02Die Orte, flussabwärts

Westlichster Ort

Trittenheim

Geburtsort des Abtes Johannes Trithemius; die Lage „Thron“ ist mit der Nibelungensage von Throneck verknüpft. Berühmt für die Trittenheimer Apotheke, die bis ins 17. Jahrhundert dem Trierer Kapuzinerkloster diente. Heute Ansgar Clüsserath, Grans-Fassian, Ernst Clüsserath.

Der älteste Beleg

Piesport

776/777 schenkte Walana ihre Weinberge in porto pingontio dem Kloster Prüm; 1762 forcierte Pastor Hau den Riesling; 1895 machten die Kesselstatt’schen Piesporter den Rekordpreis. Piesporter Goldtröpfchen, rund 100 ha: Reinhold Haart (urkundlich seit 1337), Julian Haart, Sankt Urbans-Hof, Grans-Fassian.

„Le coin le plus précieux“

Brauneberg

Die Brauneberger Juffer und ihre Spitze, die Juffer-Sonnenuhr. Napoleon soll den Hang den wertvollsten seiner Weinberge genannt haben; die Verduner Bischofsgesten legen Weinbesitz in Dusemond schon dem 6. Jahrhundert bei. Fritz Haag (seit 1605), Schloss Lieser, Paulinshof, Bastgen.

Der Doctor

Bernkastel-Kues

Der berühmteste Weinberg der Welt: 3,26 ha, 65 Grad, direkt über der Stadt. Wegeler, Thanisch, Wwe. Dr. H. Thanisch, dazu Markus Molitor und Dr. Loosen. Am 26. November 1848 stand hier die Sturmglocke gegen die Weinsteuer. Der Stern des Doctors rutschte im 20. Jahrhundert schubweise ab; Pigott sieht die Zeiten bei Thanisch überwunden.

Domprobst und Himmelreich

Graach

Der dunkelste, dichteste Mittelmosel-Stil. Die extrem tiefen grauen Schieferböden sind — anders als in Bernkastel und Wehlen — durch den Ort und Uferwiesen von der Mosel getrennt. Willi Schaefer (4 ha, weltweite Wartelisten), Markus Molitor, Joh. Jos. Prüm, Dr. Loosen. Der Josefshof: Martinshof der Abtei St. Martin, in der Franzosenzeit konfisziert, seit 1858 Kesselstatt.

Die Sonnenuhr

Wehlen

1842 ließ Jodocus Prüm die Sonnenuhr in den Schieferfels setzen, die der wichtigsten Lage des Ortes (rund 40 ha) den Namen gibt. An der Uferallee liegen Joh. Jos. Prüm, Dr. F. Weins-Prüm und Heribert Kerpen wenige hundert Meter auseinander; dazu S. A. Prüm, Studert-Prüm, Markus Molitor, Dr. Loosen, Selbach-Oster. Die Familie Prüm ist seit 1156 belegt — pruemwein.de.

Zwei Sonnenuhren

Zeltingen-Rachtig

Die Zeltinger Sonnenuhr sieht auf der Karte wie die Verlängerung der Wehlener aus — und bringt doch ganz eigene Weine: „fast immer würziger und dunkler im Duft“, ohne die heiteren Blütennoten Wehlens (Pigott). Koch nannte den Zeltinger Schlossberg eine erste Qualität und Zeltingen den mengenmäßig führenden Ort. Selbach-Oster, Markus Molitor.

Die Anomalie

Ürzig

Roter Rotliegend-Sandstein durchbricht den Blauschiefer. Der Würzgarten bringt wärmere, würzigere, exotisch-fruchtige Rieslinge — Aprikose, Mandarine. Mönchhof, Christoffel-Berres, JJ Christoffel, Markus Molitor; hier überlebt der radikale Loosen-Stil in den Auslesen.

1,4 Hektar

Erden

Der Erdener Prälat: kleinste Top-Lage der Mosel, roter Vulkanit am Felsfuß, die konzentriertesten edelsüßen Weine der Region. Daneben das Erdener Treppchen auf Blauschiefer. Dr. Loosen, Mönchhof, Markus Molitor.

Der Klitzekleine Ring

Traben-Trarbach

Der alte Großhandelsplatz — und seit 2005 Heimat des „Klitzekleinen Rings“: Kleinwinzer, Nebenerwerbs- und Hobbywinzer, deren Name ironisch mit dem „Großen Ring“ des VDP und dem „Bernkasteler Ring“ spielt. Weiser-Künstler (1,8 ha in der Enkircher Ellergrub), Weingut O. (0,6 ha).

03Bewahrer und Erneuerer

Pigott porträtiert zuerst die Bewahrer, dann die Erneuerer — und das ist Komposition: Erst an einem Haus, das sich seit Jahrzehnten nicht verändert hat, lässt sich zeigen, was sich ringsum verändert hat. Dr. Manfred Prüm übernahm 1969 nach dem plötzlichen Tod seines Vaters Sebastian Alois die Führung von Joh. Jos. Prüm; die Identität dieser Weine scheine „fast so unumstößlich wie das mächtige Jugendstil-Gutshaus, mit Spitzturm und natürlich aus Schiefer“. Konstanz ist an der Mosel keine Trägheit, sondern eine kellertechnische Entscheidung, die täglich neu verteidigt werden muss.

Kein anderer Winzer der Mittelmosel habe mehr dazu beigetragen, das Gebiet aus seiner defensiven Haltung zu befreien, als Ernst Loosen — zusammen mit seinem Verwalter Bernhard Schug, der tropische Viehzucht in Gießen studiert hatte und den unverstellten Blick eines Außenseiters mitbrachte. Ab 1987: Verzicht auf mineralische Dünger, drastische Ertragsreduktion, sehr späte und selektive Lese, Spontanvergärung, extrem schonende Kellerarbeit. Die Kollegen belächelten ihn, das Ausland jubelte; 2001 war Loosen „Winzer des Jahres“. Und dann der Widerruf: Nach dem nassen Herbst 2000 gab Loosen die Spontangärung preis — der radikale Stil überlebt nur noch in den Auslesen aus Würzgarten und Prälat. Eine Revolution, die ihre Mittel nicht revidieren kann, wird zur Doktrin.

Weingut Joh. Jos. Prüm an der Uferallee in Wehlen
Joh. Jos. PrümDas Jugendstil-Gutshaus an der Uferallee — „mit Spitzturm und natürlich aus Schiefer“.
Weingut Dr. Loosen in Bernkastel
Dr. LoosenBernkastel: Ausgangspunkt der Erneuerung ab 1987.

04Stil und Reisen

Mittelmosel-Riesling ist die fruchtigere, wärmere Seite des Mosel-Stils: voller, runder, oft mit Apfel-, Pfirsich- und Mirabellennoten, dazu der „Schiefer-Klang“. In großen Jahrgängen entstehen hier die berühmten edelsüßen Auslesen, Beeren- und Trockenbeerenauslesen. Seit den 1990er Jahren produzieren fast alle Spitzenhäuser auch trockene Große Gewächse aus Doctor, Sonnenuhr, Juffer-Sonnenuhr und Goldtröpfchen — Weine, die im internationalen Vergleich gegen Premier Cru Chablis bestehen. Selbst im traditionslastigen Wehlen entstehen seit 2003 kräftige trockene Weine mit 13 Prozent und mehr natürlichem Alkohol: „Da haben wir gemerkt, wie Alkohol den Wein runder macht, aber nicht breit“, sagt Martin Kerpen bei Pigott.

  • Bernkastel-Kues als zentraler Ausgangspunkt — Marktplatz mit Fachwerk, mehrere Vinotheken, die Mosel-Wein-Akademie.
  • Wehlen als Andachtsort: Sonnenuhr-Hang, Stammhaus Prüm, Joh. Jos. Prüm, die Alte Kirche.
  • Piesport mit der römischen Kelteranlage von Müstert.
  • Traben-Trarbach mit Jugendstil-Weinhandelshäusern und Montroyal.